Hallo alle zusammen,

dieses Blog ist umgzogen und lebt jetzt hier weiter.

grüße

der alex

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Sind dir diese Gesichtsausdrücke auch schon mal aufgefallen? Dieses hohle vor-sich-hin-Starren. Mit oder ohne offenem Mund. Oft anzutreffen bei Urlaubern mittleren Alters. Dachte lange, dieses öde Glotzen sei Ausdruck absoluter Entspanntheit. Schließlich ist Urlaub!

Mittlerweile bin ich erschrocken. Denn das öde Glotzen ist tatsächlich, was es ist: Ausdruck absoluter Langeweile. Denn meist glotzt und schweigt hier keiner alleine. Frau und man sitzen beisammen im Straßencafe, sie rühren in ihren Tassen oder stochern lustlos im Pfirsich Melba. Und Glotzen und Schweigen. Satt sich miteinander zu unterhalten.

Doch die beiden reden ja auch daheim nicht miteinander. Längst alles gesagt. Der Urlaub aber, der sollte das häusliche Schweigen durchbrechen. Tapetenwechsel. Das macht Laune. Da kommt Stimmung auf. in den ersten Tagen. Doch dann kehrt auch in der Fremde der Alltag ein. 8.30 Uhr Frühstück, dann Spazierengehen, 12.30 Uhr Mittag, dann Spazierengehen mit 16-Uhr-Kaffee-und-Melba bei Luici an der Promenade. 18.00 Uhr Abendessen. Das öde Schweigen, es schleicht sich an. So machen Körperfesser wohl Urlaub.

Meine Liebste erzählt mir von einer Reportage die sie kürzlich gesehen hat. Ging um junge Menschen wie wir, so um die 30, die der Nostalgie verfallen sind. Schmeißen ihren Job in der City und ziehen auf’s Land, um so ursprünglich zu leben wie die Eltern damals. Plausch mit em Nachbarn, Brötchen beim Bäcker. Sowas.

Ist in den USA gerade im Kommen, diese Nostalgiewelle. Somit auch demnächst ganz groß bei uns. Haben sie in der Reportage gesagt.

Und weil man ja, wenn man mal auf ein Thema angespitzt ist, gleich an allen Ecken entsprechende Indizien erkennt, ist uns der Trend auch gleich aufgefallen.

Beweisstück A-1: In Freiburg in der Markthalle. Massenweise unterschiedliche Leckereien zum Essen. Currys, Italienisches, Südamerikanisches, Fisch und was-weiß-ich-was-noch. Aber wir: greifen zum badisch Deftigen. Obwohl das sonst gar nicht so unser Fall ist. Aber jetzt und hier: Darf es doch schon gute Hausmannskost sein – und ich erwische mich, wie ich darüber sinniere, worin der Unterschied der hießigen Bratkartoffel-Zubereitung zu jener meiner Großmutter wohl liegt.

Beweisstück A-2: Der Badische Stand in der Markthalle. Mann um die 40 kocht, Frau um die 40 bedient Essen, Frau um die 60 steht am Tresen. Meine sofortige von Nostalgie geschwängerte Vermutung: Familienunternehmen. Ehepaar mit Mutter (Schwiegermutter) stemmt gemeinsam den Laden hier. Die jüngere Bedienung in einen zwanglosen Plausch verwickelt stelle ich fest: die drei sind nicht miteinander verwandt, noch nicht einmal befreundet. Schnöde Angestellte. Nix Familientradition.

Beweisstück B: Kneipe „Legère“ wirbt mit Frühstück (Kafee, Rühreier und Brötchen) für 2,90 Euro. Bekommst du in Heidelberg gerade mal einen Kaffee für, denke ich. Und lese den Werbeslogan des Lokals: Essen und trinken zu Preisen wie damals“. Nachtigall, Nachtigall!

Beweisstück C: Zwischenstopp in Überlingen am Bodensee. Sind schockiert. Der Altersdurchschnitt der Besucher sinkt um Jahrzehnte – allein aufgrund unserer Anwesenheit. Urlauben wie Mutti und Opi? Das wäre dann doch deutlich zu viel Nostalgie.

Da gilt der Freiburger Münster, oder besser dessen Turm, als der „Schönste der Welt“. Wegen des Goldenen Schnitts. Und dann das: Hinter den Kulissen tut sich eine Rumpelkammer sondersgleichen auf. Hab das mal dokumentiert.

Herr Zollitsch, Herr Zollitsch! Bin entrüstet. Sollte sich etwa auch in diesem kleinen Szenario widerspiegeln, welche Aufgabe die Katholische Kirche Frauen zuspricht? Schließlich ist der Freiburger Münster „Unserer Lieben Frau“ gewidmet. Und, Herr Zollitsch, wenn denn tatsächlich mal eine käme und sich für die Männer in Purpur erwärmen würde – was wäre ihr Job? Aufräumen!

Meine Liebste hat immer tolle Erklärungen parat. Dafür kann ich nicht anders, als sie lieb haben.

Ich: Ich hab‘ jetzt keine Lust mehr.

Meine Liebste: Wieso?

Weil mir kalt ist und der Regen mich nervt.

(den nächsten Laden ansteuernd) Ach komm, ist doch schön hier.

Ist es. Aber das hier soll die sonnigste Stadt Deutschlands sein?

Soll es? Wusste ich gar nicht.

Ja. Soll es. Ich merk davon aber gerade nichts.

Mir macht das nix aus. Hier gibt es tolle Läden.

Aha.

Und außerdem hatten wir ja schon vergangene Woche in London Glück mit dem Wetter.

Da war ich aber nicht dabei.

Da hatten wir aber drei Tage lang Sonne. Und das, obwohl es in London doch immer regnen soll.

Ja. Und hier eben nicht. Das ist doch kein Sommer.

Ich weiß woran das liegt.

Am Klimawandel.

Nein.

Dann bin ich gespannt.

Am Regenschirm.

Hast du einen dabei?

Nein. Das ist es ja gerade.

Aha? Versteh‘ ich nicht.

Na, in London hatten wir einen Regenschirm dabei. Die ganze Zeit in der Tasche. Und wir haben ihn nie gebraucht. Jetzt hab ich ihn daheim vergessen. Und prompt regnet es. Hätten wir ihn eingepackt, wäre toller Sonnenschein.

Das heißt: Das Wetter richtet sich nach dem Inhalt unserer Reisetaschen? Hast du das dem Jörg Kachelmann schon veraten?

Ach, du bist doof (boxt mir in die Seite). Weißt doch wie ich’s meine.

Hatte ich eigentlich erwähnt, dass wir einen kurzen Urlaub einschieben? Sind gerade in Freiburg. Und ich bin enttäuscht. Wer hat eigentlich gesagt, Freiburg sei die wärmste Stadt in Deutschland? Warm im Sinne von sonnig. Davon kann hier mal gar keine Rede sein. Nicht nur, dass es nicht sonnig ist, sondern regnet, ist es auch noch kühl, ja würde sagen kalt. 21 Grad – uns das an einem Augusttag. Zum Glück, habe meinem Schatz uns mir ein schönes Zimmer gebucht. Da ist die eine Wand sonnig gelb getüncht.

Hätte der Tag besser beginnen können? Aufgestanden, Kaffee, Zeitung. [Klingel, Klingel] Schornsteinfeger. Glücksbringer. Einwandfrei. Das wird ein super Tag! Glück komm‘ her, ich umarm dich!

Liege auf der Lauer. Irgendwo hat es sich versteckt, mein Glück für heute. Schnüffel schnüffel. Wenn du mich nicht findest, ich finde Dich!

Erste Begegnung: Aha. Bei der Post, ausgerechnet. Nicht gerade als Glücksbote verschrien. Aber gut man nimmt was man bekommt. „Zum Glück gibt’s DHL“ steht da in großen Lettern. Hab ich nicht gewusst. Jetzt bin ich froh, so aufmerksam gewesen zu sein. Wär mir ohne Schornsteinfeger sicher entgangen. Will aber nur einen wattierten Umschlag losschicken. Geht auch ohne DHL.

Plötzlich Gedankensprünge. Hirn galoppiert während Mensch in der langen Schlange steht: Glücksbote, Glück bei DHL, Glücksbringer in meiner Hosentasche. Greife an meine rechte Tasche. Leer. Horror. Die Große Flatter erfasst mich.

Glückskröte, fast abhanden gekommen.

Einschub zur Erklärung: Trage seit Jahren eine kleine Schildkröte in der fünften Jeans-Tasche mit mir. Hat mir meine Liebeste mal geschenkt. Seither Talisman.

Jetzt isse weg. Kannst du noch folgen? Denn jetzt kommt’s.

War vor der DHL-Station beim edc-Hosen-Dealer umme Ecke. Jeans zurückgeben, die ich gestern Abend zum ersten Mal anhatte, die aber nicht bequem genug war. Und: Immer wenn ich eine frische Hose anziehe, dann wechselt auch die Schildkröte von der alten in die nächste Hosentasche.

So auch gestern Abend? Kann mich nicht erinnern. Denk‘ nach! Denk‘ nach! Schildkröte gestern auch in der Hand gehabt? Wenn ja, dannhab ich mein Glück nun bei edc an der Theke abgegeben. Super.

Ich also raus aus dem Postladen. Rauf auf’s Rad und zurückgestrampelt. Außer Atem an der Ladentheke: Hose? Gerade umgetauscht! Noch da? Was in der Hosentasche vergessen! .. such, such … gefunden.

Nichts drin! Nichts drin! Nichts drin!

Okay. Zurück aufs Rad. Nach Hause gestrampelt. Treppe hoch, Bad rein, Dreckwäsche durchwühlt. Alte Hose von gestern .. fummel, schwitz … da ist sie. Die Schildkröte. Da ist sie. Durchatmen. Glück gehabt. Genug Glück für heute. Und es ist noch nicht mal Nachmittag.