You are currently browsing the tag archive for the ‘Busfahrt’ tag.

Muss zu meiner Schande gestehen, die Anziehungskraft des Heidelberger Schlosses auf Kinder bislang sträflich unterschätzt zu haben. Eben wurde ich eines Besseren belehrt.

Kurz nach 15 Uhr, Uniplatz Heidelberg, Linie 31. Steige ein, suche mir einen möglichst einsamen Platz. Schaue aus dem Fenster und beobachte eine junge Mutter, die im Stechschritt auf den Bus zuläuft. Tochter (geschätzte 5 Jahre alt) im Schlepptau. Kind mit vom Plärren bereits verzerrtem Gesicht. Schon von Weitem hört man den strengen Ton des Kindes: „MAMMI, ICH WILL NICHT NACH HAUSE!“ Mutter und Kind steigen ein. Kind schnieft und weint. „ICH WILL NICHT NACH HAUSE!“ Die beiden setzen sich – natürlich – auf den Doppelsitz in meiner unmittelbaren Nähe.

Na bravo, denke ich.

ICH MÖCHTE NICHT NACH HAUSE, plärrt das Kind.

Junge Mutter bleibt ganz ruhig.

Pädagogisch richtig, denke ich. Den Trotz auflaufen lassen.

MAMIII, ICH WILL NICHT HEIM, plärrt das Kind.

Oh mein Gott, denke ich.

Mutter redet beruhigend auf das Kind ein. Flüstert etwas von „keine Zeit mehr“.

Okay, denke ich, die ruhige Tour. Bestimmt lässt sich das Kind beruhigen.

MAMIII, ICH WILL NOCH NICHT HEIM, weint das Kind.

Muss die Augen verdrehen. Naja, wahrscheinlich waren sie bei Freunden und die Mutter hat ein schönes Kinderspiel jäh unterbrochen, denke ich.

Mutter sagt nichts mehr.

MAMIII, ICH WILL NICHT HEIM, plärrt das Kind.

Mutter reagiert nicht.

Warum will das Mädchen denn nicht heim?, denke ich.

MAMIII, ICH WILL NICHT HEIM, plärrt das Kind.

Nichts.

Vielleicht wird sie daheim geschlagen, denke ich.

MAMIII, ICH WILL NICHT HEIM, plärrt das Kind.

Nichts.

Vielleicht ist das gar nicht ihre echte Mutter, denke ich. Entführt! Soll ich die Polizei rufen?

Kind japst nur noch. Jammert leiser.

Aha, denke ich. Es beruhigt sich. Gott sei gepriesen.

Mutter flüstert wieder mit der Tochter. Nicht zu verstehen.

Das Weinen wird wieder lauter.

Mist, denke ich.

MAMIII, ICH WILL JETZT NICHT HEIM, plärrt das Kind.

Verdammter Mist, denke ich.

Mutter flüstert weiter.

ABER, ABER ICH WILL NICHT HEIM, plärrt das Kind.

Okay, Verständnis zeigen. Nur nicht ausfällig werden. Wenn das dein Kind wäre, wär’ dir das auch ziemlich peinlich. Atme tief durch.

Mutter redet weiter mit dem Kind.

ICH, ICH WILL NOCH NICHT HEIM, plärrt das Kind.

Kann ein genervtes Stöhnen nicht mehr unterdrücken. Gleich schrei’ ich das Kind an, gleich schrei’ ich dich an..

WILL JETZT NICHT HEIM, plärrt das Kind.

SEI JETZT ENDLICH STILL, DU BALG, schreie ich das Kind in Gedanken an.

Mutter sagt nichts mehr.

MAMIII, ICH WILL NICHT HEIM, plärrt das Kind.

Ahhhh.

MAMIII, ICH WILL NICHT HEIM, plärrt das Kind.

Werde niemals Kinder in die Welt setzen! Der Entschluss steht.

Mutter schaut aus dem Fenster.

MAMIII, ICH WILL ANS SCHLOSS, plärrt das Kind.

Bitte?, denke ich.

Mutter redet mit bedauerndem Tonfall auf die Tochter ein.

ABER ICH WILL ANS SCHLOSS, plärrt das Kind.

Wow, denke ich.

Am Bismarckplatz steigen Mutter und Tochter in die Linie um, die zurück zum Schloss fährt.