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Ich hätte es nicht tun sollen. Hätte mich an meine eigenen Vorgaben halten sollen. Keine Zeitung, keine Medien überhaupt. Nachrichten aus. Die Welt draußen lassen. Schließlich habe ich Urlaub.

Aber weil der Geist willig aber das Fleisch schwach ist und ich Gewohnheiten offensichtlich nicht über nacht ablegen kann, hab ich heute früh wie üblich zur Zeitung gegriffen. Und schon war ich drinnen, im Alltag. Was wahrscheinlich halb so wild gewesen wäre, wenn mich mein Horoskop nicht voll aus der Bahn geworfen hätte.

„Wenn Ihr Chef Ihnen vertrauliche Mitteilungen macht, sollte es Ehrensache sein, diese für sich zu behalten. Weil Sie nicht nur davon profitieren könnten, sondern auch, weil es ‚anständig‘ ist. In privaten Beziehungen sollten Sie sich natürlich auch nicht dazu hinreißen lassen, aus dem Nähkästchen zu plaudern. Schweigen ist heute Gold.

Moment, denke ich, wissen die Sterne nicht, dass ich Urlaub habe? Normalerweise müsste das doch klar sein. August, drei Wochen frei. Oder hätte ich Ende 2007 mein Jahreshoroskop – vielleicht in der „Brigitte“ studieren sollen? Möglicherweise hätte ich da gesehen, dass ich im August AUF KEINEN FALL Urlaub machen sollte.

Denn im Büro ereignen sich wichtige Dinge von denen ich profitieren könnte – während ich auf meiner Loggia in der Sonne liege. Profitieren, profitieren, profitieren. Natürlich will ich profitieren. Und vertraulich würde das natürlich auch ablaufen. Ist doch klar. Mein Chef weiß das auch. Aber ich, ich habe keine Gelegenheit, dies unter Beweis zu stellen, weil ich ja auf der Loggia in der Sonne liegen muss. Ich Depp. Natürlich würde ich stillschweigen, weiß aber nicht, zu welchem Thema. Von wegen, was man nicht weiß, macht einen nicht heiß. Die Sonne brennt. Ich schwitze. Scheiß Urlaub.

Werde ihn anrufen um zu fragen, ob er mir was zu sagen hat.

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10.30 Uhr. Habe angerufen. Er war gerade nicht zu erreichen. Dafür ist seine Frau dran.

Sie: Was Wichtiges?

Ich: Och, nö. Privat.

Sie: Ahh. Seid ihr schwanger?

[Sie meint meine Liebste und mich]

Ich [perplex]: Öhh, nö. Äh, also nö. Warum?

Sie: Na wir rechnen bei jungen Paaren immer mit Schwangerschaft.

Ich: Mhh. Naja, wir sind noch in der Übungsphase.

Sie: Ja dann, Hals und Beinbruch (lacht).

Ich: Mhh, danke. Ich ruf‘ dann morgen nochmal an.

Sie: Jo, bis dann. Schönen Abend.

[Aufgelegt]

Scheiße. Wie kommt sie jetzt auf Schwangerschaft? Soll das die „vertrauliche Mitteilung“ sein? Würde es mit im Job nützen, wenn meine Liebste schwanger wär? Oder hätte ich mich auf so persönliche Plaudereien gar nicht einlassen dürfen? Mist. Ich hätte stillschweigen müssen. Werde also tatsächlich nochmal anrufen. Morgen. Nachdem ich mein dann aktuelles Horoskop gelesen habe. Vielleicht steht da ja morgen was drin von wegen: „Ach und die Vorhersage von gestern: War nur ein Scherz!“ Werde dafür aber eben am Vormittag wieder in die Zeitung schauen müssen. Nur kurz, wenigstens. Nur zur Sicherheit.

Männer mit Bart, sagt mein Chef, haben ein Problem. Ein Imageproblem. Bartträger seien gesellschaftlich geächtet. Das ist was Psychologisches, sagt mein Chef. Denn wer zu viel Haar im Gesicht trage, der wirke nicht offen – und unterbewusst meint man, der Mann wolle einem was verheimlichen. Weil er sich eben hinter dem Gestrüpp um Mund und Nase verstecke.

Beispiele gefällig? Saddam Hussein, Osama Bin Laden, Kurt Beck.

Ho, Vorsicht! Den SPD-Chef auf eine Stufe stellen mit einem toten Diktator und einem Terrorfürsten? Das könnte gefährlich werden. Darum will ich – nur zur Sicherheit – gleich klarstellen, dass die Liste a) sicher nicht vollständig ist und sich b) lediglich auf das Merkmal „Haare im Gesicht“ bezieht. Daraus einen Rückschluss auf die gegenwärtige politische Schwäche der SPD ziehen zu wollen, läge mir fern. Außerdem ist die Zusammenstellung Saddam-Osama-Kurt nicht auf meinem Mist gewachsen; ich zitiere nur meinen Chef.

Muss ich erwähnen, dass der Chef selbst Bart trägt?

Jedenfalls ist mir diese Bart-These gestern Abend wieder eingefallen, als meine Liebste und ich zufällig im TV bei George Harrissons „Concert For Bangladesh“ hängengeblieben sind. [Klasse Konzert, im Übrigen. Unbedingt mal bei You Tube anschauen.] Da fiel mir auf, dass man damals – das Konzert fand am 1.8.1971 statt – frisch rasiert anscheinend gar nicht mit George im Rampenlicht stehen durfte.

Jetzt kann ich mir kaum vorstellen, dass nur Bob Dylan nichts zu verbergen hatte. Er war einer der wenigen, der ohne Matte im Gesicht auftrat. Ansonsten: Harrison, Eric Clapton, Ringo Starr, Klaus Voormann alle mit Gestrüpp. Alle verdächtig?

Gehe mich trotzdem rasieren.