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Sind dir diese Gesichtsausdrücke auch schon mal aufgefallen? Dieses hohle vor-sich-hin-Starren. Mit oder ohne offenem Mund. Oft anzutreffen bei Urlaubern mittleren Alters. Dachte lange, dieses öde Glotzen sei Ausdruck absoluter Entspanntheit. Schließlich ist Urlaub!

Mittlerweile bin ich erschrocken. Denn das öde Glotzen ist tatsächlich, was es ist: Ausdruck absoluter Langeweile. Denn meist glotzt und schweigt hier keiner alleine. Frau und man sitzen beisammen im Straßencafe, sie rühren in ihren Tassen oder stochern lustlos im Pfirsich Melba. Und Glotzen und Schweigen. Satt sich miteinander zu unterhalten.

Doch die beiden reden ja auch daheim nicht miteinander. Längst alles gesagt. Der Urlaub aber, der sollte das häusliche Schweigen durchbrechen. Tapetenwechsel. Das macht Laune. Da kommt Stimmung auf. in den ersten Tagen. Doch dann kehrt auch in der Fremde der Alltag ein. 8.30 Uhr Frühstück, dann Spazierengehen, 12.30 Uhr Mittag, dann Spazierengehen mit 16-Uhr-Kaffee-und-Melba bei Luici an der Promenade. 18.00 Uhr Abendessen. Das öde Schweigen, es schleicht sich an. So machen Körperfesser wohl Urlaub.

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Meine Liebste erzählt mir von einer Reportage die sie kürzlich gesehen hat. Ging um junge Menschen wie wir, so um die 30, die der Nostalgie verfallen sind. Schmeißen ihren Job in der City und ziehen auf’s Land, um so ursprünglich zu leben wie die Eltern damals. Plausch mit em Nachbarn, Brötchen beim Bäcker. Sowas.

Ist in den USA gerade im Kommen, diese Nostalgiewelle. Somit auch demnächst ganz groß bei uns. Haben sie in der Reportage gesagt.

Und weil man ja, wenn man mal auf ein Thema angespitzt ist, gleich an allen Ecken entsprechende Indizien erkennt, ist uns der Trend auch gleich aufgefallen.

Beweisstück A-1: In Freiburg in der Markthalle. Massenweise unterschiedliche Leckereien zum Essen. Currys, Italienisches, Südamerikanisches, Fisch und was-weiß-ich-was-noch. Aber wir: greifen zum badisch Deftigen. Obwohl das sonst gar nicht so unser Fall ist. Aber jetzt und hier: Darf es doch schon gute Hausmannskost sein – und ich erwische mich, wie ich darüber sinniere, worin der Unterschied der hießigen Bratkartoffel-Zubereitung zu jener meiner Großmutter wohl liegt.

Beweisstück A-2: Der Badische Stand in der Markthalle. Mann um die 40 kocht, Frau um die 40 bedient Essen, Frau um die 60 steht am Tresen. Meine sofortige von Nostalgie geschwängerte Vermutung: Familienunternehmen. Ehepaar mit Mutter (Schwiegermutter) stemmt gemeinsam den Laden hier. Die jüngere Bedienung in einen zwanglosen Plausch verwickelt stelle ich fest: die drei sind nicht miteinander verwandt, noch nicht einmal befreundet. Schnöde Angestellte. Nix Familientradition.

Beweisstück B: Kneipe „Legère“ wirbt mit Frühstück (Kafee, Rühreier und Brötchen) für 2,90 Euro. Bekommst du in Heidelberg gerade mal einen Kaffee für, denke ich. Und lese den Werbeslogan des Lokals: Essen und trinken zu Preisen wie damals“. Nachtigall, Nachtigall!

Beweisstück C: Zwischenstopp in Überlingen am Bodensee. Sind schockiert. Der Altersdurchschnitt der Besucher sinkt um Jahrzehnte – allein aufgrund unserer Anwesenheit. Urlauben wie Mutti und Opi? Das wäre dann doch deutlich zu viel Nostalgie.

Da gilt der Freiburger Münster, oder besser dessen Turm, als der „Schönste der Welt“. Wegen des Goldenen Schnitts. Und dann das: Hinter den Kulissen tut sich eine Rumpelkammer sondersgleichen auf. Hab das mal dokumentiert.

Herr Zollitsch, Herr Zollitsch! Bin entrüstet. Sollte sich etwa auch in diesem kleinen Szenario widerspiegeln, welche Aufgabe die Katholische Kirche Frauen zuspricht? Schließlich ist der Freiburger Münster „Unserer Lieben Frau“ gewidmet. Und, Herr Zollitsch, wenn denn tatsächlich mal eine käme und sich für die Männer in Purpur erwärmen würde – was wäre ihr Job? Aufräumen!

Meine Liebste hat immer tolle Erklärungen parat. Dafür kann ich nicht anders, als sie lieb haben.

Ich: Ich hab‘ jetzt keine Lust mehr.

Meine Liebste: Wieso?

Weil mir kalt ist und der Regen mich nervt.

(den nächsten Laden ansteuernd) Ach komm, ist doch schön hier.

Ist es. Aber das hier soll die sonnigste Stadt Deutschlands sein?

Soll es? Wusste ich gar nicht.

Ja. Soll es. Ich merk davon aber gerade nichts.

Mir macht das nix aus. Hier gibt es tolle Läden.

Aha.

Und außerdem hatten wir ja schon vergangene Woche in London Glück mit dem Wetter.

Da war ich aber nicht dabei.

Da hatten wir aber drei Tage lang Sonne. Und das, obwohl es in London doch immer regnen soll.

Ja. Und hier eben nicht. Das ist doch kein Sommer.

Ich weiß woran das liegt.

Am Klimawandel.

Nein.

Dann bin ich gespannt.

Am Regenschirm.

Hast du einen dabei?

Nein. Das ist es ja gerade.

Aha? Versteh‘ ich nicht.

Na, in London hatten wir einen Regenschirm dabei. Die ganze Zeit in der Tasche. Und wir haben ihn nie gebraucht. Jetzt hab ich ihn daheim vergessen. Und prompt regnet es. Hätten wir ihn eingepackt, wäre toller Sonnenschein.

Das heißt: Das Wetter richtet sich nach dem Inhalt unserer Reisetaschen? Hast du das dem Jörg Kachelmann schon veraten?

Ach, du bist doof (boxt mir in die Seite). Weißt doch wie ich’s meine.

Hatte ich eigentlich erwähnt, dass wir einen kurzen Urlaub einschieben? Sind gerade in Freiburg. Und ich bin enttäuscht. Wer hat eigentlich gesagt, Freiburg sei die wärmste Stadt in Deutschland? Warm im Sinne von sonnig. Davon kann hier mal gar keine Rede sein. Nicht nur, dass es nicht sonnig ist, sondern regnet, ist es auch noch kühl, ja würde sagen kalt. 21 Grad – uns das an einem Augusttag. Zum Glück, habe meinem Schatz uns mir ein schönes Zimmer gebucht. Da ist die eine Wand sonnig gelb getüncht.

Ich hätte es nicht tun sollen. Hätte mich an meine eigenen Vorgaben halten sollen. Keine Zeitung, keine Medien überhaupt. Nachrichten aus. Die Welt draußen lassen. Schließlich habe ich Urlaub.

Aber weil der Geist willig aber das Fleisch schwach ist und ich Gewohnheiten offensichtlich nicht über nacht ablegen kann, hab ich heute früh wie üblich zur Zeitung gegriffen. Und schon war ich drinnen, im Alltag. Was wahrscheinlich halb so wild gewesen wäre, wenn mich mein Horoskop nicht voll aus der Bahn geworfen hätte.

„Wenn Ihr Chef Ihnen vertrauliche Mitteilungen macht, sollte es Ehrensache sein, diese für sich zu behalten. Weil Sie nicht nur davon profitieren könnten, sondern auch, weil es ‚anständig‘ ist. In privaten Beziehungen sollten Sie sich natürlich auch nicht dazu hinreißen lassen, aus dem Nähkästchen zu plaudern. Schweigen ist heute Gold.

Moment, denke ich, wissen die Sterne nicht, dass ich Urlaub habe? Normalerweise müsste das doch klar sein. August, drei Wochen frei. Oder hätte ich Ende 2007 mein Jahreshoroskop – vielleicht in der „Brigitte“ studieren sollen? Möglicherweise hätte ich da gesehen, dass ich im August AUF KEINEN FALL Urlaub machen sollte.

Denn im Büro ereignen sich wichtige Dinge von denen ich profitieren könnte – während ich auf meiner Loggia in der Sonne liege. Profitieren, profitieren, profitieren. Natürlich will ich profitieren. Und vertraulich würde das natürlich auch ablaufen. Ist doch klar. Mein Chef weiß das auch. Aber ich, ich habe keine Gelegenheit, dies unter Beweis zu stellen, weil ich ja auf der Loggia in der Sonne liegen muss. Ich Depp. Natürlich würde ich stillschweigen, weiß aber nicht, zu welchem Thema. Von wegen, was man nicht weiß, macht einen nicht heiß. Die Sonne brennt. Ich schwitze. Scheiß Urlaub.

Werde ihn anrufen um zu fragen, ob er mir was zu sagen hat.

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10.30 Uhr. Habe angerufen. Er war gerade nicht zu erreichen. Dafür ist seine Frau dran.

Sie: Was Wichtiges?

Ich: Och, nö. Privat.

Sie: Ahh. Seid ihr schwanger?

[Sie meint meine Liebste und mich]

Ich [perplex]: Öhh, nö. Äh, also nö. Warum?

Sie: Na wir rechnen bei jungen Paaren immer mit Schwangerschaft.

Ich: Mhh. Naja, wir sind noch in der Übungsphase.

Sie: Ja dann, Hals und Beinbruch (lacht).

Ich: Mhh, danke. Ich ruf‘ dann morgen nochmal an.

Sie: Jo, bis dann. Schönen Abend.

[Aufgelegt]

Scheiße. Wie kommt sie jetzt auf Schwangerschaft? Soll das die „vertrauliche Mitteilung“ sein? Würde es mit im Job nützen, wenn meine Liebste schwanger wär? Oder hätte ich mich auf so persönliche Plaudereien gar nicht einlassen dürfen? Mist. Ich hätte stillschweigen müssen. Werde also tatsächlich nochmal anrufen. Morgen. Nachdem ich mein dann aktuelles Horoskop gelesen habe. Vielleicht steht da ja morgen was drin von wegen: „Ach und die Vorhersage von gestern: War nur ein Scherz!“ Werde dafür aber eben am Vormittag wieder in die Zeitung schauen müssen. Nur kurz, wenigstens. Nur zur Sicherheit.